TOR 130 – TOT DRET 2019

Ein Lauf wie im Rausch

„Bist du verrückt??!!!“

Das war die prompte Antwort meiner Frau als ich ihr beichtete, dass ich mir diesen Lauf als Highlight 2019 ausgewählt habe. Da mein Terminkalender für dieses Jahr wenig Spielraum hatte und ich einen großen Lauf suchte, bot sich für mich dieser Lauf perfekt an. Unser Urlaub sollte in  Chamonix beginnen und 2,5 Wochen später zu Ende gehen. Am Ende des Urlaubs wäre dann der TOT Dret, nur ein Pass von Chamonix entfernt.

Warum bin ich verrückt?

Die Eckdaten: Der Lauf geht 134km mit 12000hm und 7 Pässen zwischen 2700 bis fast 3000müNN. Man läuft entlang des Aostatals. Zur Orientierung: Es geht auf der italienischen Seite vom Matterhorn zum Mont Blanc. Der originale TOR de Géants geht in seinem 10. Jahr einmal komplett um das Aostatal und ist mit 330km und 24000hm als non-stop-Rennen in den Alpen unvergleichbar.

Die Vorbereitung:

Nach meinem „Did not finish“ im Mai in Annecy  (115km), meinem gequälten 60km Lauf in Gastein und meinem „Did not finish“ im Juli beim Eigerultra (101km), lief noch gar nichts dieses Jahr. Geschäftlich und privat war ich leider so eingespannt, dass ich überhaupt keine Zeit zum Training nehmen konnte. Bevor wir nach Chamonix gefahren sind, habe ich 3 Wochen nicht einmal joggen können! Aber ich bin Optimist… In Chamonix konnte ich dann endlich auch mal einige Höhenmeter sammeln. Meine Beine fühlten sich fit an, ich war schmerzfrei und nebenbei erholte sich die Seele vom Stress zuhause.

Ein wichtiger Faktor war, dass ich zudem zwischen 1100müNN und 1550müNN geschlafen und bis auf 2700müNN trainiert habe über fast drei Wochen. Ein wunderbarer Aufbau also für meinen Lauf.

„Tag X“ oder wie die Franzosen sagen, “ Jour J“

Von unserem Hotel in Cogne fuhren wir morgens zum Start 1h30min. Nach dem Abholen der Startunterlagen konnte ich in der Halle, welche als Versorgungsstation für den TOR war, noch eine gute Mütze voll Schlaf holen. Dann gab es Pasta, Ihr werdet  sehen, dass das noch oft kommt…

Szenerie: Gressoney St. Jean, Italien, 1329müNN, 10Grad bewölkt, 21:00Uhr, ein Knall, 500 Läufer machen sich im Licht der Stirnlampen auf den Weg.

Ich lief die ersten drei flachen Kilometer flott und versuchte den Stau am Anstieg zu vermeiden, was mir dann auch gelang. Noch eine Stunde später hörte man die Anfeuerungen. Die Beine waren noch sehr ungleich. Das Linke wirkte super frisch, das Rechte verursachte leichte Schmerzen. Cool bleiben! Technisch sauber laufen und die Körperachsen gerade halten! Auf 2400müNN begann es leicht mit Schneeregen. Kurze Zeit später schneite es leicht und der Zauber der Nacht war perfekt. Die Lampen reflektierten den Schnee und das nasse Gras, sodass alles glitzerte. Nahezu mühelos überquerte ich den im Aufstieg technischen ersten Pass (2777müNN). Im Downhill waren sehr technische Abschnitte dabei, was manch einen Trailer zögerlich und unsicher aussehen ließ. Ich machte viele Positionen gut. Am Ende des 1400hm Downhills fand ich einen ähnlich schnellen Downhiller wie mich. Mit ihm lief ich schon 4km, als er plötzlich im Dunkeln an einer Wurzel hängen blieb. Er stolperte und flog über den Trail hinaus und landete 4hm tiefer auf dem Trail.

Der Schreck saß tief, es sah spektakulär aus. Er war unverletzt… Aber die Lektion war gelernt. Tatsächlich war das die letzte Kurve vor dem Ort mit der ersten Verpflegung. Meine Frau wartete schon auf mich. Wir lagen perfekt im Zeitplan und mir ging es noch ganz gut. Ich drückte mir schnell eine Pasta rein, verständigte mich nochmal mit meiner Frau und lief wieder in die Nacht hinaus. Es war Mitternacht.

Die Nacht zehrt

Schnell fand ich meinen Rhythmus für den nächsten Anstieg. Die Landschaft war einfach perfekt und die Trails wie gemalt. Mal wieder klemmte ich mich hinter einen anderen Läufer um auch von seinem Lichtpegel zu profitieren. Nach 1000hm Aufstieg erreichte ich eine idyllische Berghütte. Ich genoss die warme Pasta mit einem Kaffee. Langsam spürte ich die Anstrengung. Mittlerweile waren beide Beine schmerzfrei und in ordentlichem Zustand.

Den zweiten Pass überflog ich nahezu (2770müNN) und im Downhill (ca. 1400hm -) ließ ich es ebenfalls ordentlich laufen. Um 3:00Uhr morgens lief ich durch das wunderschöne Valtournenche zur nächsten Versorgung. 33km waren geschafft. Jawohl, ich aß eine Pasta… Entweder hätte ich mich hier hinlegen können oder weiterlaufen, so war unser Matchplan. Ich war frisch, fit und einigermaßen wach, deshalb zog ich weiter zur nächsten Hütte. Weil ich weiterhin so frisch war machte ich Positionen um Positionen gut, sodass ich nach den 600hm bis zur nächsten Hütte meine insgesamt beste Zwischenplatzierung innehatte (ca. 65. Platz) Auf der Hütte trank ich kurz einen Tee und bat um einen Schlafplatz. Die Crew war super nett und führte mich in die vorbereiteten Zimmer. Die ganze Hütte war für den TOR reserviert und so konnte ich mich in ein Bett legen.

Die Regeln des TOR lauten, dass maximal 2h (!!!) auf Hütten übernachtet werden darf. Danach ist man disqualifiziert. Der Hüttenwirt weckte mich nach meinen gewünschten 1:45h.

Der erste Morgen – Neues Leben

Ich wachte nach nur 45min möglichen Schlaf auf. Der Körper zitterte extrem, ich fror sehr stark, das ganze System ist heruntergefahren. Die Muskulatur ist sehr steif geworden und wie so oft schmerzte mein Nacken von der Stirnlampe. So schnell wie möglich ging ich in die Stube und trank Kaffee zu meiner Pasta. Dann ging es raus.

Es war klar und es dämmerte. Im Rücken war das Monte Rosa Massiv zu sehen mit den glitzernden Gletschern. Mein Körper war innerhalb von 1min wieder voll da. Die Trails waren wellig und ich machte einen langen Schritt. Die Sonne kam heraus und hinter mir zeigte sich das Matterhorn. Mein Körper war so stark wie vor dem Start. Es war einfach unglaublich. So legte ich einige Kilometer mit einer 5:15min/km Pace zurück. Die nächsten 25km bewegte sich der Kurs fast nur zwischen 2200müNN und 2750müNN. Die Vorbereitung machte sich bezahlt. Nach viermal Pasta und einmal Polenta kam ich schließlich gegen 14:30Uhr an der größten Versorgungsstation an. Meine Frau ist auch vor Ort und massierte mir kurzerhand den Schmerz aus dem Nacken weg. Aber die vielen Kilometer und Höhenmeter (72km) haben mich müde gemacht. So gönnte ich mir wieder 1h Schlaf. Dieses Mal schlief ich sofort. Nach einer Pasta ging es dann wieder los.

Mittlerweile habe ich mich mit drei Schweden angefreundet, die ähnlich schnell waren. Über den nächsten Berg quälten sich dann sehr viele nur noch schwer. Auch für mich ging die Energie aus. So motivierte mich einer der Schweden wieder bis zur letzten Station vor der Nacht. Meine Frau baute mich auch wieder auf. Mittlerweile bin ich bei 2 Polenta und 9 Pasta angekommen.

Muskulär war ich problemlos, aber ich wurde müde. So ging es dann um 20:23Uhr in die letzte Nacht hinein. Es standen 1100hm bis zur nächsten Versorgung an. Aber der Schritt wurde immer kürzer und ich wurde sehr kurzatmig. Leider war ich allein unterwegs, denn der Schwede ist 5min früher aufgebrochen. Meine Gedanken wurden negativ und im Kopf kamen surreale Dinge… Ich wusste, jetzt wird es eng!

Zudem verschätzte ich mich sehr, wann denn die Hütte kommt. Schließlich erreichte ich sie doch, aber ich sah schon, dass der nachfolgende Pass noch einmal extrem steil ist und ca. 400hm hat.

Der Schwede wartete bereits auf mich in der Hütte. Ich aß eine Pasta und erzählte ihm mein Problem mit der Müdigkeit. Er sagte kein Problem, er gab mir eine Koffeintablette. Wir wollten weiterlaufen. Ich stand auf und da wusste ich es! Es braucht ein Wunder, wenn ich noch ins Ziel kommen will…

In der größten Not hilft nur die Frau

Also fragte ich in der Hütte nach für eine Schlafmöglichkeit. Doch dann kam der Schock, nur Läufer des TOR des Géants (330km) dürfen auf dieser Hütte in die Schlafräume.

„Mein Engel, ich habe ein Problem! Ich bin am Ende und mir geht es richtig bescheiden. Ich glaube nicht, dass ich es weiterschaffe… Es tut mir so leid!“ So meldete ich mich bei meiner Frau. Sie beruhigte mich und holte mich aus der Emotionalität zurück. Schließlich war ich noch einige Stunden vor dem Cut-Off.

Ich schluckte die Pille und setzte mich in die Ecke der Stube, legte den Kopf auf den Tisch und schlief wie ein Baby. 1,5h später wachte ich wieder stark zitternd und ausgekühlt auf. Nach Pasta und Kaffee schöpfte ich Hoffnung und um 23:41 ging ich raus in die kalte Nacht. Und wie ein Wunder, die Beine frisch wie vor dem Start, blühte ich wieder komplett auf! Den vorletzten Pass des Rennens rannte ich förmlich hoch mit 1050hm/h… Den 1400hm Dowhnill flog ich runter und freute mich auf meine Frau! Eine Polenta später erreichte ich tatsächlich um 3:00Uhr St. Rhemy en Bosses. Den Schweden habe ich sogar noch überholt. Er hatte Wadenprobleme und musste dann aufgeben. Mittlerweile habe ich 106km geschafft.

Nun wusste ich, dass ich alles schaffen kann! Und gestärkt von meiner Frau, machte ich mich wieder auf den Weg.

Col Malatra – der große Knackpunkt

In mäßigem Tempo aber sehr konstant arbeitete ich mich den letzten Pass hinauf. Mir standen noch 1500hm im Aufstieg bevor. Der Col Malatra ist mit 2936müNN der höchste Punkt meiner langen Reise. In tiefer  Nacht stieg ich nun Richtung Rifugio Frassati. Mit letzter Anstrengung erreichte ich die Hütte gegen 5:30Uhr gerade als meine erste Stirnlampe leer wurde. Ich war abermals sehr erschöpft, aber nun dicht vor dem Ziel. Zum höchsten Punkt fehlten mir lediglich 400hm.

Da ich allen versprochen hatte auf dieser Hütte noch einmal zu schlafen und ich zudem sehr müde war, fragte ich schnell nach einem Bett, welches mir sofort zugewiesen wurde. Die Helfer waren so nett!! 1h Schlaf reichte mir nun. Ich brannte darauf endlich nach Courmayeur zu kommen. Wieder war mir bitterkalt und ich zitterte extrem. Aber nach Pasta und Kaffee ging es raus in den Sonnenaufgang. Meine Beine waren wieder taufrisch. Mit der Sonne im Rücken brauchte ich auf den Pass nur knapp 20min. Es war überragend! Die technische Kletterei am Ende des Passes machte super Spaß und hinter mir strahlte der Grand Combin, vor mir glitzerte der Mont Blanc.

Den Downhill mit den letzten 17km und 1800hm machte ich in einem sehr schnellen Tempo. Durch Courmayeur lief ich schließlich die letzten Kilometer zum Teil unter 4:00min/km. Nach 38:53h war es so weit. Meine Frau erwartete mich auf den letzten Metern und ich lief strahlend über die Ziellinie!

Mein erster über 100km Lauf ist geschafft. Am Ende habe ich für mein Leben wieder extrem viel dazugelernt. Realistisch betrachtet war es frech mit dieser Vorbereitung so ein Rennen anzugehen. Ich habe nahezu nichts trainiert im Vergleich zu den Läufern, die sonst dort mitlaufen. Viele von Ihnen waren hinter mir oder sind ausgeschieden. Vor diesen Läufern habe ich großen Respekt, dass sie diesen Fleiß und diese Energie aufbringen. Aber durch sehr viele Jahre Leistungssport habe ich gelernt meinem Körper zuzuhören. Das wichtigste war eben gesund am Start zu stehen, denn dann kann der Kopf alles schaffen.

Danke

WeRun4Fun, mein Team, welches mich zum Trailen gebracht hat und wo wir uns gegenseitig pushen.

Allen Volontors, welche die Veranstaltung so liebenswert und einzigartig gemacht haben.

Und am wichtigsten meiner Frau, die so viel erduldet und meine widersinnigen Ideen erträgt oder mich davon abbringt. Danke.

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